"Wahre Philosophie muss von der unmittelbarsten und umfassendsten
Tatsache des Bewußtseins ausgehen. Diese lautet:
>Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das
Leben will.< [...]
Wie in meinem Willen zum Leben
Sehnsucht ist nach dem
Weiterleben und nach der geheimnisvollen Gehobenheit
des Willens zum Leben, die man Lust nennt, und Angst
vor der Vernichtung und der geheimnisvollen
Beeinträchtigung des Willens zum Leben, die man
Schmerz nennt: also auch in dem Willen zum Leben um
mich herum, ob er sich mir gegenüber
äußern kann oder ob er stumm bleibt.
Ethik besteht also darin, dass ich die Nötigung
erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht
vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen.
Damit ist das denknotwendige Grundprinzip des
Sittlichen gegeben. Gut ist, Leben erhalten und
Leben fördern; böse ist, Leben vernichten
und Leben hemmen. [...]
Wahrhaft ethisch ist der Mensch nur, wenn er der
Nötigung gehorcht, allem Leben, dem er beistehen
kann, zu helfen, und sich scheut, irgendetwas
Lebendigem Schaden zu tun. Er fragt nicht, inwiefern
dieses oder jenes Leben als wertvoll Anteilnahme
verdient, und auch nicht, ob und inwieweit es
noch empfindungsfähig ist. Das Leben als solches
ist ihm heilig. Er reißt kein Blatt vom
Baume ab, bricht keine Blume und hat acht, dass
er kein Insekt zertritt. Wenn er im Sommer nachts bei
der Lampe arbeit hält er lieber das Fenster
geschlossen und atmet dumpfe Luft, als dass er
Insekt um Insekt mit versengten Flügeln auf seinen
Tisch fallen sieht."