PhilLex - Lexikon der Philosophie
   
Board-Icon Begriffe
a - Axiom
Badische Schule - Buridians Esel
C - covering-law model
Daimonion - Dysteleologie
e - externe Relation
fallacia - Für-Wahr-Halten
G43-Implikation - Gruppe, Berliner
Halbierungsparadoxie - Hysteresis
i - Isosthenie der Argumente
judicium
K - Kyrieuon
language of thought - Lust, sinnliche
M - Münchhausentrilemma
N - nyāya-Schule
o - Oxymoron
P - Pythagoreismus
Quadrat, logisches - Quodlibetarier
R - Russell's Antinomie
S - Szientismus
t. - twin earth
Übel - utraque praemissa ...
Vagheit - Vulgärmaterialismus
w - Würde
x - XYZ
Yager-Intersection - Yoga
Zadeh-1-Implikation - Zynismus
Board-Icon Diskussion
 PhilTalk Philosophieforen
Buch-Icon Andere Lexika
Buch-Iconphilosophenlexikon.de
Buch-IconLexikon der griechischen Mythologie
Buch-Icon PhiloThek
Buch-Icon Bibliothek der Klassiker
Buch-Icon Zeitschriftenlesesaal
Buch-Icon Nachschlagewerke
Info-Icon Allgemeine Information
Info-Icon Dokumentenlieferdienste
Spiele-Icon Spiele
  Philosophisches Galgenraten
WWW-Suche-Icon PhilSearch.de
Einkaufswagen-Icon Shops
Einkaufswagen-Icon PhiloShop
Einkaufswagen-Icon PhiloShirt
Board-Icon Service
  Philosophie-Zitate für Ihre HomePage
Board-Icon Kontakt
  Impressum
 eMail

Peter Singer's Gleichheit und ihre Implikaturen

1  Interessenabwägung?

Ableitung eines Gleichheitsprinzips

Peter Singer leitet aus dem induktiv gewonnenen universalen Standpunkt ab, dass ein Gleichheitsprinzip Grundlage einer ethischen Theorie sein muss. Er hat jedoch mit seinem Argument die Absicht einen utilitaristischen Standpunkt zu begründen [1], insbesondere seinen Standpunkt eines am Interessenbegriff orientierten Utilitarismus. Dies kann sein Argument nicht leisten.

Singer schreibt:

"Meine Begründung für diese Behauptung ist folgende: Indem ich akzeptiere, dass moralische Urteile von einem universalen Standpunkt aus getroffen werden müssen, akzeptiere ich, dass meine eigenen Interessen nicht einfach deshalb, weil sie meine Interessen sind, mehr zählen als die Interessen von irgend jemand anderm. Daher muss, wenn ich moralisch denke, mein ganz natürliches Bestreben, dass für meine Interessen gesorgt wird, ausgedehnt werden auf die Interessen anderer." [2]

Frage nach dem Verglichenen

Singer scheint seiner vorschnellen Ableitung des Prinzips der Interessenabwägung selbst nicht zu trauen. So fragt er an späterer Stelle nach dem Verglichenen, nach dem, worin die Menschen einander gleichen [3].

Singers Suchstrategie

Auf der Suche nach dem, worin die Menschen einander gleichen, verwendet Singer eine Ausschlußstrategie. Er weist drei Thesen über die Gleichheit zurück, um dann die Gültigkeit seiner These zu postulieren.

These 1: Identität der Menschen

Offenbar sind die Menschen einander nicht identisch, einige sind groß, andere klein, einige gut in Mathematik, andere schlecht [4].

These 2: Gleichheit durch moralische Persönlichkeit (Rawls)

Nach Rawls ist "moralische Persönlichkeit" die Basis der Gleichheit [5] und eine Bereichseigenschaft [6]. Der Begriff der Bereichseigenschaft ist eine überflüssige Begriffsbildung, denn von fast jedem Begriff wird gesagt, dass er einen Inhalt hat und nichts anderes besagt der Begriff der Bereichseigenschaft wie ihn Singer rekonstruiert [7].

Singers Gegenargumente:

  • moralische Persönlichkeit zu besitzen, ist keine Bereichseigenschaft, sondern eine graduierbare Eigenschaft [8].
  • wie ist es mit Säuglingen, Kleinkindern und geistig behinderten Menschen? [9] "Rawls behandelt Säuglinge und Kinder in der Weise, dass potentielle moralische Personen zusammen mit wirklichen dem Bereich des Gleichheitsprinzips zugehören." [10]

Das erste Gegenargument ist ein Scheinargument, da in der fuzzy set-theory Gleichheit auch für fuzzy sets, und damit für graduierbare Eigenschaften, rekonstruiert werden konnte [11].

Interessanter ist das zweite Argument, hinter dem die Behauptung steckt, dass es keine brauchbaren Zuschreibungsregeln für moralische Persönlichkeit gibt.

Dieses Argument ist zum einen interessant, da Singer selbst das Personsein immer wieder zur Grundlage für ethische Entscheidungen macht.

Außerdem ist es durchaus denkbar, dass sich der Begriff der moralischen Persönlichkeit als graduierbarer Begriff und als effektiver Begriff, d. h. als eine Eigenschaft, deren Vorliegen bei dem Anderen wir feststellen können, erweist. Diese Lösung diskutiert P. Singer jedoch nicht.

Ein zusätzlicher Umstand bleibt bei Singer unberücksichtigt: auch die Zuschreibung von Interessen zu Säuglingen, Kleinkindern und geistig Behinderten ist durchaus problematisch.

These 3: Gleichheit, da keine moralisch bedeutsamen Unterschiede zwischen den Menschen

Die dritte Begründung für das Gleichheitsprinzip, die Singer diskutiert, ist, dass sich Menschen zwar als Individuen unterscheiden, dass es aber keine moralisch bedeutsamen Unterschiede zwischen ihnen gibt [12], die Unterschiede zwischen Individuen über die Grenzen von Rassen und Geschlecht hinweg verlaufen [13].

Diese Position Singers ist verwirrend, wenn man bedenkt, dass Singer bei der Diskussion des Tötungsverbotes immer wieder den moralischen Unterschied zwischen Menschen die Person sind und solchen die keine Person sind in die Waagschale wirft.

Die Struktur dieser These ähnelt der Rawls zugeschriebenen These. Aber Singer liefert ein neues Gegenargument, nämlich ein Gedankenexperiment, das mich an den Platons idealen Staat erinnert. Singer diskutiert eine Gesellschaft, in der die Menschen nach einem IQ-Test in Hierarchien eingeteilt werden. Eine solche Gesellschaft würde auf realen Unterschieden basieren und trotzdem wohl kaum einem Gleichheitsanspruch genügen [14].

Antithese: Gleichheit als Interessenabwägung

Das Verglichene sind bei Singer die Interessen und diese sind auch nicht gleich, sondern sollen gleich behandelt werden. Das Gleichheitsprinzip ist für Singer keine Tatsachenbehauptung, sondern ein moralisches Prinzip [15].

Grundbegriff "Interesse" bei Singer vage

Da Singer als Gleichheitsprinzip das Prinzip der Interessenabwägung postuliert, müssen wir den Begriff des Interesses, die Basis einer Interessenabwägung, bei Singer näher betrachten. Was Interessen für Singer sind, wird aber nur angedeutet. So hat es dieser Begriff nicht einmal bis in das Register des Buches geschafft.

Problem der Zuschreibung bei Singer nicht formuliert

Wenn wir Handlungen mit dem Prinzip der Interessenabwägung bewerten wollen, müssen wir Verfahren angeben, die es uns gestatten, die Interessen anderer zu messen oder zumindest zu vergleichen. Eine solche Zuschreibung ist gar nicht so einfach, wird aber von Singer nicht explizit als Problem formuliert.

Problem der Zuschreibung - mögliche Lösungen

Prinzipiell gibt es verschiedene Ansätze das Zuschreibungsproblem zu lösen. Bei Singer werden zwei (ersterer nur implizit) Ansätze diskutiert:

  1. die Zuschreibung über die wahrgenommenen Äußerungen von Wünschen, Präferenzen, wobei die Äußerung von Wünschen sehr unterschiedlich ausfallen kann (Wunsch des Babys nach Milch, Wunsch des Philosophen nach Forschungsgeldern, Wunsch des Sterbenden nach Sterbehilfe).
  2. die Zuschreibung über die erwarteten Folgen für das jeweilige Subjekt.

Während man (1) als Spezialfall für das betrachten kann, was man in der Philosophie gemeinhin subjektive Interessen nennt, könnte man (2) als objektive Interessen interpretieren.

Ansatz 1: Interessen als Wünsche

Die Fassung von Interessen als Wünschen interpretiert P. Singer als weiten Interessenbegriff. "Würden wir »Interessen« weit genug definieren, so dass wir alles, was Menschen wünschen, als ihre Interessen auffaßten (sofern dies nicht unverträglich ist mit einem oder mehreren anderen Wünsche), dann kann wohl in diesem vormoralischen Zustand nur das je eigene Interesse für die Entscheidung relevant sein." [16]

Das Gegenargument Singers, dass nur das je eigene Interesse für die Entscheidung relevant sein kann, trifft nur, wenn wir explizite innere Wünsche betrachten. nicht aber wenn es um explizite äußere Wünsche (d. h. geäußerte Wünsche) geht. Problematisch ist aber auch dann, wie eine Interessenabwägung funktionieren soll.

Ansatz 2: Interessen als Folgen

Singer präferiert den 2. Ansatz. Dazu gibt es bei Singer eine zentrale Formulierung:

"Das Wesentliche am Prinzip der gleichen Interessenabwägung besteht darin, dass wir in unseren moralischen Überlegungen den ähnlichen Interessen all derer, die von unseren Handlungen betroffen sind, gleiches Gewicht geben. Dies bedeutet: Wenn X und Y von einer möglichen Handlung betroffen wären und X dabei mehr zu verlieren als Y zu gewinnen hätte, ist es besser, die Handlungen nicht auszuführen." [17]

D. h., dass ich, wenn ich Interessen abwäge, Folgen abwäge, die eine Handlung für die anderen (oder für mich) hat.

Oder genauer: Ich wäge die Folgen meiner Handlung ab, die ich den anderen Subjekten (und mir) zuschreibe. Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung wird also auf ein Prinzip der Folgenabwägung zurückgeführt.

Offene Fragen 1: Was sind Interessen?

Die Zurückführung des Prinzips der gleichen Interessenabwägung auf ein Prinzip der Folgenabwägung hat keinesfalls die Frage geklärt, was Interessen sind. Aber es hat die Frage für den weiteren Gedankengang überflüssig gemacht, wenngleich die Frage interessant bleibt.

Offene Fragen 2: Wie hängen Interessen und Folgen zusammen?

Die Zurückführung des Prinzips der gleichen Interessenabwägung auf ein Prinzip der Folgenabwägung ist bei Singer sehr intuitiv vollzogen und - wie ich meine - bei uns durch die Formulierung des Zuordnungsproblems schon etwas deutlicher. Es bleibt Singer aber zu befragen (und die Frage müssen auch wir uns stellen), wie Interessen und Folgen zusammenhängen. Für die Abwägung (oder Erwägung) der Folgen spielt diese Frage allerdings keine Rolle.

Offene Fragen 3: Wer hat Interessen?

In der ethischen Diskussion spielt die Frage nach den ethischen Subjekten immer eine große Rolle. In dieser Tradition müsste n wir fragen, wer denn überhaupt Interessen haben kann.

Das Prinzip der Folgenabwägung ermöglicht es auch von Folgen für Babys, Kleinkinder, geistig Behinderte [18] und für Tiere [19] zu reden, ohne dass wir uns auf das Glatteis "Tiere haben Interessen" begeben müssen. Wir können damit die Diskussion der Frage "Wer hat Interessen?" aus unserem Gedankengang fernhalten.

Offene Fragen 4: Ist Interesse ein Merkmal der Menschen

Singer kritisiert Rawls, indem er bezweifelt,

"... dass er irgendeine moralisch signifikante Eigenschaft gibt, die alle Menschen in gleichen Maße besitzen." [20]

Wenn P. Singer dies sagt, sagt er implizit auch, dass Interessen keine natürliche Eigenschaft des Menschen sind. An anderer Stelle spricht er aber vom Interesse als einem Merkmal der Menschen [21].

These: Interessenabwägung von menschlichen Fähigkeiten unabhängig

Singer schreibt:

"Das Prinzip der gleichen Interessenabwägung verbietet es, unsere Bereitschaft, die Interessen anderer Personen abzuwägen, von ihren Fähigkeiten oder anderen Merkmalen abhängig zu machen, außer dem einen: dass sie Interessen haben." [22]

Wenn Interessenabwägung aber bedeutet, Folgen abzuwägen: Woher nehmen wir dann die Sicherheit, dass die Folgen von den Fähigkeiten oder anderen Merkmalen unabhängig sind. Schon in der Antike wurde es mehr bestraft, wenn man einem Einäugigen ein Augenlicht nahm als wenn man es bei einem Zweiäugigen tat, weil man einschätzte, dass die Folgen für den Einäugigen graduierbar sind. Und Singer sagt ja dann auch selbst, dass die Fähigkeiten und anderen Merkmale das Ergebnis der Interessenabwägung beeinflussen [23].

2  Implikaturen

Argumentationstyp 1: Gleichheit und genetische Verschiedenheit

Singer weist die genetische (bzw. biologische) Begründung von Ungleichheit für einen bestimmten Falltyp von Beispielen zurück.

Es handelt sich um Fälle, bei denen die Ungleichbehandlung zweier Menschengruppen aus biologischen Unterschieden abgeleitet wird, die nur statistisch gelten.

Gegen solche Begründungen hat Singer drei Argumente:

  1. die biologischen Unterschiede implizieren nicht, dass Bemühungen, soziale Unterschiede abzubauen, nicht helfen können, Unterschiede zwischen den Menschen zu verringern [24].
  2. aus einem signifikanten Unterschied zwischen Gruppen kann nicht auf einen Unterschied zwischen Individuen geschlossen werden. Daher ist so eine Ungleichbehandlung der Gruppen nicht zu begründen.
  3. das unterschiedliche Merkmal muss keine unterschiedlichen Interessen bewirken [25] oder wie wir sagen könnten, keine unterschiedlichen Auswirkungen auf die Folgen einer Handlung für die Individuen haben.

Beispiel 1: Unterschied und Gleichheit der Rassen

Singer führt den eben vorgestellten Argumentationstyp an zwei Beispielen aus.

Das erste Beispiel ist die Frage, ob aus einem signifikanten statistischen Unterschied des IQ zwischen Schwarzen und Weißen, wenn der Unterschied denn bewiesen wäre, die Ungleichbehandlung der Rassen abzuleiten wäre [26].

Singers Gegenargumente sind nun genau die im Argumentationstyp 1 genannten [27].

Beispiel 2: Unterschiede und Gleichheit der Geschlechter

Analog zum vorigen Beispiel diskutiert Singer das Beispiel, ob wenn aus biologischen Ursachen Unterschiede in Intelligenz und Aggressivität zwischen den Geschlechtern folgen, sich damit eine Ungleichbehandlung der Geschlechter ableiten lässt [28].

Auch hier wieder die Gegenargumente des Argumentationstyps 1.

Argumentationstyp 1 verallgemeinerbar

Die Argumentation von Singer ließe sich verallgemeinern, wenn man zu jedem der Argumente von Singer Bedingungen sucht unter denen sie gelten.

Beispiel: Gleichheit und Behinderung

Wir stellen uns eine Gesellschaft vor, ist der alle (Voll-)Blinden in dunklen Kellern leben müssen, da sie ja eh mit dem Licht nichts anfangen können.

In diesem Fall zieht Singers Argument (2) nicht, da der signifikante Unterschied zwischen den Gruppen auch ein Unterschied zwischen den Individuen dieser Gruppen ist.

Das Argument (3) funktioniert aber.

Die Behinderungen bedeuten - wie Singer festhält - gelegentlich, dass Behinderte anders zu behandeln sind als die meisten anderen [29].

Dieses Argument Singers lässt sich umkehren. Auch Nichtanerkennung kann bedeuten, dass jemand anders zu behandeln ist.

Ich will das verdeutlichen, indem ich Singers Beispiel korrigiere, dass sich ein Blinder nicht bewerben braucht, wenn wir einen Korrektor suchen [30].

Dies gilt nur für einen bestimmten Typ von Korrektoren. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es in Leipzig mehr Philosophie-Professoren gibt als blinde Korrektoren, Korrektoren in der Deutschen Zentralbücherei für Blinde, dem ältesten deutschen Blindenschriftverlag nämlich, die dort Punktschriftbände Korrektur lesen, eine Arbeit für die Sehende kaum eingesetzt werden können.

Argumentationstyp 2: Chancengleichheit

Singers Argumente:

  1. Chancengleichheit ist nicht praktisch realisierbar. Da es eine Chancengleichheit in jeder Hinsicht sein müsste , kann keine Gesellschaft sie verwirklichen [31].
  2. Schon unterschiedliche genetische Veranlagungen bewirken unterschiedliche Chancen [32].
Singer schließt:

"Chancengleichheit ist somit kein attraktives Ideal. Sie belohnt die Glücklichen, die solche Fähigkeiten erben, die es ihnen erlauben, interessante und einträgliche Berufswege zu bestreiten." [33]

Ist eine Gesellschaft, in der das Prinzip der gleichen Interessenabwägung gilt, möglich?

Nur eine Gesellschaft, die die marxistische Devise Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen befolgt, würde das Prinzip der gleichen Interessenabwägung einlösen [34].

Dieses Prinzip ist nicht ohne starke Grenzen nur in einem Land einführbar [35].

Aber in einem Land sind einzelne Regelungen zur Verbesserung der Einkommensverteilung möglich [36].

Singer modifiziert die marxistische Devise in eine Devise (die er nicht so ausdrücklich wie wir formuliert): "Jedem nach seinen Anstrengungen", wobei Anstrengungen die an den Fähigkeiten gemessenen Leistungen sind [37].

Auch dieses Prinzip ist nicht durchsetzbar [38]:

"Andererseits ist es, wie ich glaube, realistisch und richtig, sich um breitere Zustimmung zu dem Prinzip zu bemühen, dass Bedürfnisse und Anstrengungen zu bezahlen sind, und nicht ererbte Fähigkeiten." [39]

Argumentationstyp 3: Affirmatives Handeln

Affirmatives Handeln heißt, "... Mitglieder der benachteiligten Gruppen zu bevorzugen." [40]

Argument 1 für affirmatives Handeln: Quotengleichheit

"Gelegentlich heißt es, wenn 20 % der Bevölkerung einer ethnischen Minderheit angehören, aber nur 2 % davon Ärzte sind, dann sei hinreichend bewiesen, dass in unserer Gesellschaft ethnische Gruppen diskriminiert werden." [41]

Gegenargument: "Es könnte sein, dass die Mitglieder der unterrepräsentierten Gruppe für die Art von Studium, das ein angehender Arzt absolvieren muss, durchschnittlich weniger begabt sind." [42]

Beispiel: "So wie die unverhältnismäßig große Zahl von afro-amerikanischen Athleten im Olympia-Team der Vereinigten Staaten für sich genommen noch kein Beweis für eine Diskriminierung der Amerikaner europäischer Abstammung ist." [43]

"Ohne positive Anhaltspunkte für Diskriminierung ist es nicht möglich, affirmatives Handeln mit der Begründung zu rechtfertigen, es stelle bloß das Diskriminierungsgleichgewicht in der Gesellschaft wieder her." [44]

Argument 2 für affirmatives Handeln: Chancengleichheit

Man kann für affirmatives Handeln mit der Chancengleichheit argumentieren [45].

Ein Argument dieses Typs wäre: Standardisierte Aufnahmetests für ein Studium können "keinen exakten Aufschluß über die Fähigkeiten geben, wo es um einen Studenten geht, der ernsthaft benachteilligt wurde." [46]

Gegenargument: Dieses Argument zieht nur bei Einzelfallprüfung, nicht aber bei Quotierungen [47].

Folgerungen unlogisch

Nachdem Singer zwei Argumente für affirmatives Handeln widerlegt hat, vollzieht er ein Salto mortale. Er stellt fest, dass affirmatives Handeln nicht dem Prinzip der gleichen Interessenabwägung entspricht, ihm aber auch nicht widerspricht.

"Wichtig ist, dass affirmatives Handeln, ob nach Quoten oder irgendwelchen anderen Maßstäben, nicht gegen ein vernünftiges Gleichheitsprinzip verstößt und nicht irgendwelche Rechte der Abgewiesenen verletzt. In angemessener Weise angewendet, ist es mit gleicher Interessenabwägung vereinbar, zumindest in seinen Zielen. Der einzige echte Zweifel bezieht sich darauf, ob es wirklich funktioniert. In Ermangelung besserer, Alternativen scheint sich ein Versuch zu lohnen." [48]


[1] "Der universale Aspekt der Ethik, meine ich, liefert uns eine überzeugende, wiewohl nicht letztgültige Begründung dafür, eine utilitaristische Position im weiteren Sinne einzunehmen." (Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 29)
[2] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 29
[3] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 34
[4] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 35
[5] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 35
[6] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 35
[7] Modell: "Man stelle sich vor, man zeichne auf ein Papier einen Kreis. Dann haben alle Punkte innerhalb des Kreises - dies ist der »Bereich« - die Eigenschaft, innerhalb des Kreises zu sein, und sie haben diese Eigenschaft im gleichen Maße. Einige Punkte mögen dem Zentrum näher sein, andere der Peripherie, aber alle sind gleichermaßen Punkte innerhalb des Kreises. Auf ähnliche Weise ist, meint Rawls, die Eigenschaft einer »moralischen Persönlichkeit« eine Eigenschaft, die so gut wie alle Menschen besitzen, und alle Menschen, die sie besitzen, besitzen sie im gleichen Maße." (Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 35)
[8] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 36
[9] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 35
[10] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 37
[11] vgl. z. B. Gottwald, S.: Mehrwertige Logik, Berlin 1989, 304
[12] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 37
[13] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 38
[14] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 38f.
[15] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 39
[16] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 29f.
[17] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 39
[18] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 36
[19] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 83
[20] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 37
[21] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 41
[22] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 41
[23] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 41
[24] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 50 u. 58
[25] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 51 u.59
[26] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 50
[27] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 50-52
[28] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 58f.
[29] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 77
[30] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 77
[31] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 61
[32] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 62
[33] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 62
[34] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 63
[35] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 64f.
[36] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 65
[37] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 66
[38] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 67
[39] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 67
[40] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 68f.
[41] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 70
[42] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 70
[43] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 70
[44] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 71
[45] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 71
[46] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 71
[47] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe. Stuttgart 21994, 71
[48] Singer, P.: Praktische Ethik. Neuausgabe.Stuttgart 21994, 76f.

powered by Uwe Wiedemann