Mehrwertige Logik
Die klassische Logik
basiert auf zwei fundamentalen Prinzipien, dem
Extensionalitätsprinzip
und dem Zweiwertigkeitsprinzip.
Nicht alle Erscheinungsformen des Logischen lassen sich
mit der klassischen Logik erfassen.
Denkt man z. B. an Aussagen
über zukünftige Ereignisse oder an die logische
Behandlung von Frage, so scheint es nicht offensichtlich,
dass man das Zweiwertigkeitsprinzip sinnvoll beibehalten kann.
Die mehrwertige Logik verzichtet auf das Zweiwertigkeitsprinzip.
Der Verzicht auf das Zweiwertigkeitsprinzip bedeutet nicht,
dass die mehrwertige Logik auf die Betrachtung von
Wahrheitswerten verzichten muss. Wie in der klassischen
Logik geht man auch in der mehrwertigen Logik davon aus,
dass jeder Aussage ein Wahrheitswert zugeordnet ist. Es
gibt jedoch mehr als zwei Wahrheitswerte. Man spricht hier auch
von Quasiwahrheitswerten.
Die Untersuchung der Quasiwahrheitswerte erfolgt teilweise in
der topologischen Logik.
Ein Beispiel für eine mehrwertige Logik, in der auch
das Extensionalitätsprinzip nicht gilt, ist die Wahrscheinlichkeitslogik.
Die Vorgeschichte der mehrwertigen Logik lässt
sich bis zu Aristoteles
zurückverfolgen, der in De Interpretatione (cap. 9)
das Problem diskutiert, welchen
Wahrheitswert man
Aussagen zuschreiben soll, die auf Zukünftiges bezogen
sind.
Vertritt man einen Determinismus, kann man auch für
solche Aussagen das Zweiwertigkeitsprinzip aufrechterhalten. So
taten es denn auch die Stoiker
im Gegensatz zu den Epikuräern,
die keinen Determinismus vertraten.
Das Problem der contingentia futura wurde auch in der
mittelalterlichen Philosophie und
Logik diskutiert. So verwendete Radulpus Strodus
außer den Wahrheitswerten wahr und falsch auch den
Wahrheitswert zweifelhaft (dubium).
Die allgemeine Belebung der Logikforschung in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts führte zu mehrwertigen
logischen Systemen bei MacColl und Peirce.
Mehrwertige logische Systeme sind auch die nicht-aristotelischen Systeme
von Wassiljew, die
auch als Vorläufer der parakonsistenten
Logiken betrachtet werden können.
Die Entwicklung der mehrwertigen Logik von 1920 bis ca. 1930
wurde im wesentlichen von Łukasiewicz
und der polnischen Logikerschule
getragen.
Außerdem hat Bernays eine
Methode der
Unabhänigkeitsbeweise publiziert, die weite Verbreitung
gefunden hat.
Auch Hans Reichenbach hat eine
dreiwertige Logik entwickelt. Er hat versucht die mehrwertige Logik und
die Quantenphysik aneinander zu koppeln.
Wichtige Resultate der mehrwertigen Logik sind:
- die Axioamtisierung des dreiwertigen Łukasiewiczschen Systems
Ł3 durch
Wajsberg (1931),
- die Ergänzung von Ł3
zu einem funktional vollständigen
System Ł3S sowie
dessen Axiomatisierung durch
Słupecki (1936),
- die Klärung des Verhältnisses zur
intuitionistischen Logik
durch Gödel (1932)
und Jaśkowski (1936),
- die Anwendung dreiwertiger Systeme auf die Diskussion von
Antinomien durch
Bočvar (1938),
- die Anwendung der dreiwertigen Logik auf
mathematische Probleme partieller Funktionen bei
Kleene und
- die Verallgemeinerung der theoretischen Ansätze
insbesondere durch Rosser und Turquette in den 40er Jahren.
Neben rein theoretischen Untersuchungen über mehrwertige Systeme
haben anwendungsorientierte Untersuchungen an Bedeutung gewonnen.
Dies können Anwendungen innerhalb der Logik sein, wie die
Unabhängigkeitsuntersuchungen oder Fragen der Deutung logischer
Systeme als mehrwertige Systeme im Falle der intuitionistischen Logik,
der Modallogik und der parakonsistenten Logik.
Dies können auch Anwendungen außerhalb der
Logik sein, wie die Theorie unscharfer Mengen oder die Verallgemeinerung
der Schaltalgebra auf analoge Unterscuhungen bezüglich
mehrwertiger aussagenlogischer Systeme.
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