Materie
Für die griechischen
Philosophen des 6. Jahrhunderts
v. u. Z. ist das Bestreben charakteristisch, die
Mannigfaltigkeit der Welt auf ein einziges materielles
Grundelement zurückzuführen. Bei Thales
ist es das Wasser, bei Anaximenes
die Luft und bei Heraklit
das Feuer.
In der von Leukipp und
Demokrit
begründeten und von Epikur
und Lukrez weiterentwickelten
atomistischen Lehre werden als Grundelemente kleinste unteilbare Teilchen
angenommen - die Atome -, die sich nach Form, Anordnung und
Lage voneinander unterscheiden, in unendlicher Zahl gedacht werden
und durch die verschiedene Kombination eine unendliche
Vielfalt von Dingen und Welten bilden.
Anaximandros geht von einem
nach Quantität und Qualität unbestimmten
und unbegrenztem materiellen Element, dem Apeiron, aus.
Das Wort Materie (griech. hyle, engl. matter, franz.
matière, lat. materia) verwendet
Platon nicht
in philosophischer Bedeutung.
Nach Aristoteles
ist Materie das Substrat aus dem alle Dinge
entstehen und bestehen. Die Materie besitzt keine
Eigenschaften. Sie wird als potentielle
Möglichkeit gedacht. Sie
wird erst durch ihre Verbindung mit der Form zur
Wirklichkeit.
Die Trennung zwischen Form und Materie ist nicht
absolut, weil jeder Stoff seinerseits eine Form
besitzt.
Materie bildet eine der vier aristotelischen
Ursachen, die
causa materialis.
Die Materie ist ihrem Wesen nach träge und passiv.
Sie erhält ihre konkreten Bestimmungen erst durch die
Form, das tätige Prinzip, den ersten Beweger.
Straton ebenete die Unterscheidung des
Aristoteles von Stoff und Form weitgehend ein und versucht die
wirkende Kraft der Form in die Materie zu legen.
Dieser Gedanke hatte auf die Entwicklung der
arabischen Philosophie (einschließlich auf
Ibn Sina)
einen großen Einfluß.
Bei Epikur findet sich die Idee der Selbstbewegung der
Materie.
Für die Stoiker
bilden die Einzeldinge nur Teile (Momente) des Kosmos.
Der Kosmos allein existiert
selbständig. Materie wird so zu einem kosmologischen
Prinzip, das für die Welt als Ganzheit gilt.
Ebenfalls eine kosmologische Bedeutung erhält
die Materie bei Plotin.
Materie gilt hier als die letzte und
schwächste Emanation (Ausströmung) aus dem
Einen. Materie ist nach Plotin unkörperlich, weil
sie nicht einmal die Struktur der
wahrnehmbaren
körperlichen Dinge besitzt. Da sie ohne Bestimmung ist,
ist sie die Abwesenheit des Guten, das reine Böse
und Häßliche.
Neben dieser Materie, die unterhalb der
wahrnehmbaren Dinge steht, kennt Plotin auch eine
intelligible Materie. Sie befindet sich oberhalb der
wahrnehmbaren Dinge.
Die Welt ist nach Ibn Rushd
ewig und unerschaffen, da
Gott mit ihr gleichaltrig ist
und ihr nicht vorausgeht.
Auch die Bewegung, deren Substrat die Materie
ist, existiert von Ewigkeit her. Die Materie ist die allgemeine
Möglichkeit des Seins.
Nach Duns Scotus existieren
nur einzelne Dinge. Sie bestehen aus Form und Materie. Materiell sind
sogar die Seele und die Engel, nur Gott ist als absolute
Freiheit reine Form.
Nach Margaret Cavendish gibt
es im Universum nur unvergängliche Materie
und leeren Raum. Die Materie besteht
aus kleinsten, unteilbaren Einheiten, den Atomen, die sich in
diesem Raum bewegen und durch Kontakt zueinander die
Gegenstände unserer sinnlich wahrnehmbaren Welt bilden.
Bruno sieht in
der Materie die einheitliche Substanz
der Wirklichkeit. Er betont, dass sie von ihren
konkreten Arten, mit denen etwa der Mechaniker oder
Arzt zu tun hat (z. B. Quecksilber,
Salz und Schwefel) zu unterscheiden ist.
Nach Bacon
bilden Materie, Form und Bewegung eine Einheit. Die
Materie ist tätig. Ihre wichtigste Eigenschaft ist
die Bewegung. Die Materie besitzt nach ihm eine Vielzahl konkreter
Eigenschaften, die er als quantitativ und qualitativ
unveränderlich auffaßt.
Descartes entwickelt
innerhalb seiner Philosophie ein dualistisches Prinzip,
dem zufolge der Welt sowohl eine materielle als auch eine
geistige Substanz zugrunde liegen. Als Attribut der
Materie sieht er die Ausdehnung an. Die ausgedehnte Materie
sei unendlich teilbar. Die Bewegung ist eine mechanische
Ortsveränderung, die durch Druck und Stoß
zustande kommt. Der unendlichen Ausdehnung der
Materie steht bei Descartes ihre zeitliche Endlichkeit gegenüber.
Die Materie existiert nicht ewig. Sie ist von Gott geschaffen.
Hobbes kennt nur
eine einheitliche materielle Substanz, die die Quelle aller unserer
Gedanken und Vorstellungen
ist und unabhängig von ihr
existiert. Hobbes identifiziert die Materie mit dem
Körper, zu dessen Attributen die Ausdehnung, aber nicht
die Bewegung gehört.
Gassendi vertritt wie
Hobbes das Prinzip der Unerschaffbarkeit und Unzerstörbarkeit
der Materie. Er leitet aus diesem Prinzip die Unmöglichkeit einer
ins Unendliiche gehenden Teilung der Materie ab. So kommt Gassendi
zur Verteidigung des Atomismus. Gassendi verwirft die
Trennung von Materie und Bewegung. Die Atome haben ein inneres
Streben nach Bewegung.
Spinoza geht von
einer einheitlichen materiellen Substanz aus. Diese ist
Ursache ihrer selbst, unerschaffbar und
unzerstörbar. Das Denken ist
keine selbständige Substanz, sondern neben der Ausdehnung
ein Attribut der Natur.
Die Bewegung gehört nicht zu den Attributen der
Materie. Sie kommt unter dem Einfluß
äußerer Ursachen zustande.
Von Diderot stammt
die Idee, dass die Empfindung
möglicherweise eine allgemeine Eigenschaft der
Materie ist. Die Atome sind Träger von Empfindungen, aus denen
das Denken entsteht. Aus der Berührung der Atome
entsteht das für die Menschen und das All einheitliche Bewußtsein.
Auch d' Alembert
spricht der Materie ursprüngliche
Empfindungsfähigkeit zu.
Boscovich, Schelling
und de Broglie haben den Gedanken einer dynamischen Materie
vorgetragen. Hierbei genügen Kraftzentren und
deren physikalische Beschaffenheit, um all die
Eigenschaften zu erklären, die der Materie
gewöhnlich zugeschrieben werden.
Bei Hegel ist
die Materie die ursprünglich undifferenzierte Einheit.
Den absoluten Idealisten und
Ferrier zufolge gibt es keine vom Erkennenden
unabhängige Materie.
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