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Skeptizismus
Der Einwand des Widerspruchs hat zwei Hauptvarianten:
- Es wird die Gegenfrage gestellt, woher man den skeptischen
Standpunkt wissen könne und ein Beweis für den
skeptischen Standpunkt verlangt;
- Es wird der Inhalt des skeptischen Standpunktes auf
sich selbst angewendet.
Zunächst ist klar, dass die partielle Skepsis
von dem Einwand des logischen Widerspruchs unberührt bleibt
und zwar sowohl die relative als auch die absolute partielle
Skepsis. Die partielle Skepsis bestreitet nämlich gar nicht
die Möglichkeit jeder Erkenntnis oder die Existenz
irgendeiner Wahrheit. Daher können die eigenen
skeptischen Thesen vom
Zweifel ausgenommen
werden und der Einwand wird damit blockiert.
Weiter ist klar, dass der universelle Skeptizismus
gegen die erste Variante des Einwandes immun ist, da er
bewusst auf einen derartigen
Beweisversuch verzichtet und nicht behauptet, den skeptischen
Standpunkt zu wissen. Es wäre aber voreilig, den skeptischen Standpunkt
damit schon als erledigt anzusehen, da auch eine Aussage
für die weder faktisch noch prinzipiell eine
Beweismöglichkeit besteht, richtig sein könnte.
Erkenntnis nur deshalb als möglich anzusehen, weil sich
das Gegenteil nicht beweisen lässt, wäre
- wie Stegmüller
zurecht sagt [18] -
unbefriedigend. (Anderer Meinung ist jedoch sicher der
größte Teil der Verifikationisten.)
Warum jedoch sollen wir dem Skeptiker folgen, wenn er nicht
beweisen kann, dass er Recht hat?
Die pyrrhonischen Skeptiker antworteten auf diese Frage
gewöhnlich mit dem Argument, dass sie die Waffen des
Gegners benutzen, um ihn zu schlagen, ohne zu glauben, dass
diese Waffen besonders wirksam sind.
Der Skeptiker könnte zudem sagen, dass die anderen
ihren Standpunkt ja auch nicht beweisen können. Da der
universelle Skeptiker seinen Standpunkt nicht
rechtfertigen kann,
ist er machtlos gegenüber einem Menschen, der von der
Wahrheit gewisser Thesen überzeugt ist und alles, was nicht
mit ihnen übereinstimmt, falsch nennt, ohne dass er
Gründe für seine Überzeugungen beibringen will; der
sich also um die Meinung anderer nicht kümmert und sich
nicht bekehren will. Es ist dasselbe Problem, das wir auch mit dem
Amoralisten in der Ethik haben.
Es bleibt die zweite Variante des Widersprucheinwandes gegen
die universelle Skepsis. Formulieren wir sie zunächst gegen
den Erkenntnisskeptizismus: Wenn es keine Erkenntnis gibt, dann ist
auch der Satz "es gibt keine Erkenntnis" selbst keine Erkenntnis.
Stegmüller hat gezeigt [19], dass
hier kein Widerspruch vorliegt. Er führt zunächst
eine Satzfunktion "Erk(x)" ein, die bedeutet "x hat die
Eigenschaft, eine Erkenntnis zu sein".
Die erkenntnisskeptische These lautet dann:
(S1) ~($x)Erk(x)
Angenommen dieser Satz (S1) sei eine Erkenntnis. Also:
Erk(S1). Dann folgt daraus:
(S2) ($x)Erk(x)
S1 und S2 widersprechen einander. Auf Grund der reductio
ad adsurdum ist also (S1) keine Erkenntnis. Damit haben wir
keinen Widerspruch. Denn für einen solchen, müssten
wir zeigen, dass aus (S1) folgt, dass (S2). Dies
kann aber nicht gezeigt werden. Es folgt aus (S1) lediglich:
(S3) ~Erk(~($x)Erk(x)).
Damit ist aber gezeigt, dass sich der Erkenntnisskeptizismus
als universeller Skeptizismus logisch widerspruchsfrei vertreten
lässt.
Einen Erkenntnisskeptizismus, der relativ und universell, aber
nach den eben vorgeführten Überlegungen
widerspruchsfrei ist, lieferten die pyrrhonischen Skeptiker.
Sie formulierten die skeptische These, dass man nichts
wissen kann, nicht einmal die Tatsache, dass man
nichts wissen kann, und dass man nichts beweisen kann,
nicht einmal die Tatsache, dass man nichts
beweisen kann, wobei ihre Skepsis - zumindest der Überlieferung
durch Sextus Empiricus nach - relativ gemeint ist.
Man kann die 2. Variante des Widerspruchargumentes nun
auch für den universellen Wahrheitsskeptizismus durchspielen
und Stegmüller hat dies auch getan [20]. Bei
den antiken Skeptikern finden sich die
Antinomien vom Lügnertyp
Nichts ist wahr oder Alles ist falsch, die einen
widersprüchlichen Wahrheitsskeptizismus nahe legen
[21].
Er betrachtet dabei nur Sätze. S(x) soll bedeuten
"x ist ein Satz" und T(x) soll bedeuten "x ist wahr".
Der Schluss geht nun wie folgt:
(S4) ("x)(S(x)
É~T(x))
(S5) S(S4) É~T(S4)
(wegen (S4))
(S6) S(S4) (empirisch)
(S7) ~T(S4) (modus ponens)
Damit ist aber die Behauptung (S4) nicht wahr. Formal ein analoges Ergebnis
wie beim Erkenntnisskeptizismus (so wie der Satz "es gibt keine Erkenntnis"
keine Erkenntnis ist, so kann der Satz "es gibt nichts Wahres" nicht falsch
sein) ergibt sich doch ein wesentlicher Unterschied. Im Erkenntnisskeptizismus
könnte die These zwar keine Erkenntnis, aber wahr sein, im Wahrheitsskeptizismus
bleibt dieser Ausweg nicht. Vorausgesetzt worden ist aber, dass die im
Schluss verwendeten Schlussregeln angewendet werden können. Eine
Position, die der Wahrheitsskeptiker nicht teilen muss.
Stegmüller hat gezeigt, dass wir den Wahrheitsskeptizismus
durchaus trotzdem widerspruchsfrei vertreten können, wenn wir
im Stile der intuitionistischen Logik den
Satz vom ausgeschlossenen
Dritten einschränken [22].
Auch eine andere eine sehr kleine Abschwächung des
universellen Skeptizismus hebt den Widerspruch des
Wahrheitsskeptizismus auf. Die akademischen Skeptiker sagten,
dass man nichts wissen kann, außer der
Tatsache, dass man nichts wissen kann, und dass
nichts bewiesen werden kann, außer der Tatsache,
dass man nichts beweisen kann. Dies zunächst
erkenntnisskeptisch formulierte These ist widerspruchsfrei.
Aber nach eben diesem Schema ließe sich auch
der Wahrheitsskeptizismus abschwächen, womit er
zwar kein universeller Wahrheitsskeptizismus mehr ist,
aber auch bei Akzeptanz des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten
widerspruchsfrei ist, ohne allzu viel vom universellen
Wahrheitsskeptizismus aufgeben zu müssen. Wahrheitsskeptisch
formuliert lautet die These, dass nichts wahr ist,
außer der Tatsache, dass nichts wahr ist.
Dies ist sicher ein Trick, aber er hebt jeden
Widerspruchsverdacht auf. Die Frage, die sich hier wie an
die akademischen Skeptiker ergibt, ist: Warum
können nicht auch andere Sachen gewusst werden bzw.
wahr sein, wenn eine Sache - der Skeptizismus - gewusst werden
bzw. wahr sein kann?
Hier ergibt sich wegen der Selbstbezüglichkeit ein
Paradox vom Lügnertyp:
Wenn irgendetwas anderes gewusst werden kann, dann ist der
akademische Skeptizismus falsch, denn er sagt nur der
akademische Skeptizismus kann gewusst werden. Wenn der
akademische Skeptizismus falsch ist, dann kann er ebenfalls nicht
gewusst werden, denn wir können nichts wissen, was
falsch ist.
Wir haben festgestellt, dass sich sogar der universelle
Wahrheitsskeptizismus bei vorsichtiger Einschränkung des
Satzes vom ausgeschlossenen Dritten aufrechterhalten lässt.
Wir wollen uns aber noch fragen, ob es überhaupt ein
Problem wäre, wenn sich logische Widersprüche
im Skeptizismus nachweisen ließen. Die parakonsistenten
Logiken haben uns mit solchen Urteilen vorsichtig gemacht. Warum
soll der Skeptiker ausgerechnet den Satz
vom Widerspruch nicht bezweifeln?
Mit anderen Worten: Es könnte ja sein, dass unser Wissen
nicht konsistent sein kann, wenn wir uns bestimmten
erkenntnistheoretischen Fragen stellen und dass der
parakonsistente Fall, der beste aller denkbaren ist.
Nun sind die parakonsistenten Logiken kein
Wahrheitsskeptizismus, denn die parakonsistenten Logiken
behaupten (zumindest bisher) nicht, dass kein Satz wahr
sei, aber der Verweis auf parakonsistente Logiken zeigt,
dass der wahrheitstheoretische Skeptizismus selbst wenn
in ihm der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch nicht gelten
würde, keine unbrauchbare Theorie sein müsste .
Man könnte durchaus eine parakonsistente Logik konstruieren,
die ich hier parakonsistente falsifikationistische Logik (PFL)
nennen möchte, in der allen Sätzen entweder die
Wahrheitswertmenge {t, f} oder die Wahrheitswertmenge {f} zugeordnet
wird, nie jedoch die Wahrheitswertmenge {t}, in der es also keine
wahren Aussagen gibt und die damit eine wahrheitsskeptische
parakonsistente Logik wäre, in der der Satz
vom ausgeschlossenen Dritten gilt. Axiomatisch beschreiben kann man
diese Theorie allerdings nur, indem man
Axiome und Regeln für
die Falschheit von Aussagen angibt (im Sinne von der Zuordnung der
Wahrheitswertmenge {f}) oder aber Axiome und Regeln dafür
angibt, wann eine Aussage unwiderlegt ist (im Sinne
von der Zuordnung der Wahrheitswertmenge {t, f}). Diese Logik,
in der die Wahrheitswerte unwiderlegt und falsch vorkommen,
ist eine zweiwertige Logik, in der der Wahrheitswert wahr gar nicht
vorkommt und daher auch keiner Aussage zugeschrieben werden kann,
obwohl wir in der Metatheorie durchaus mit einem Wahrheitsbegriff
arbeiten.
In unserer Logik PFL gilt:
| pÙq |
{t, f} |
{f} |
pÚq |
{t, f} |
{f} |
| {t, f} |
{t, f} |
{f} |
{t, f} |
{t,f} |
{t,f} |
| {f} |
{f} |
{f} |
{f} |
{t, f} |
{f} |
Komplizierter und nicht so leicht so rekonstruieren, da nicht
extensional ist die Negation dieser Logik.
Man kann das System PFL noch erweitern, indem man außer der
Zuordnung {t, f} und {f} auch die Zuordnung der leeren
Wahrheitswertmenge {} zulässt, z. B. für den Fall,
dass in einer Kommunikationsgemeinschaft niemand die
entsprechende Aussage behauptet oder bestreitet. Hier gilt
der Satz vom ausgeschlossenen Dritten allerdings nicht mehr.
Ist der Skeptizismus theoriefeindlich?
Ein Variante des Argumentes, dass der Skeptizismus nicht
widerspruchsfrei sei, findet sich bei E.
Husserl. Husserl benutzt
den Begriff Skeptizismus (1900), um seinen Begriff der
Theorie abzugrenzen: Eine "skeptische Theorie" enthalte
die Falschheit der "Bedingungen für die Möglichkeit
einer Theorie überhaupt" und sei deshalb "widersinnig"
[23].
Wir finden ein solches transzendentales Argument auch bei
Strawson.
In diesem Argument wird der Skeptiker als jemand
beschrieben, der unser gewöhnliches Begriffssystem
revidieren und an seine Stelle ein neues setzen möchte.
So gesehen erscheint der Skeptiker als begrifflicher
Relativist, der seinen Zweifel in die These kleidet, dass
es viele, verschiedene Begriffssysteme geben kann und dass
wir keinerlei Grund haben, unserem faktischen Begriffsystem
eine besondere Autorität und Zwangsläufigkeit
zuzuschreiben. Das Argument nun: Entweder können wir einen
begrifflichen Vorschlag verstehen; dann können wir zeigen,
dass es gegenüber unserem gewöhnlichen
Begriffssystem keine wirkliche Alternative darstellt. Oder wir
haben ein radikal anderes Begriffssystem, das wir mit dem
unseren in keinerlei Beziehung bringen können, dann können
wir nicht verstehen, was vorgeschlagen wird. In beiden Fällen
ist unser Begriffssystem nicht zufällig, so wie es ist
[24].
Das Argument hat eine entscheidende Schwäche. Selbst wenn wir
die Welt auf eine bestimmte Weise denken müssen, heißt
dies nicht, dass sie wirklich so ist. Der Skeptiker kann
also zugeben, dass unsere Erfahrung mit Zwangsläufigkeit
eine bestimmte Struktur hat, ohne auf den Skeptizismus verzichten
zu müssen. Wir brauchen also weitere Argumente, damit der
Skeptizismus getroffen würde [25].
Es gibt einen sehr alten Einwand gegen die Skepsis, der besagt,
dass der Skeptiker, gleichgültig, was er sagt, seine
Philosophie selbst nicht ernst nehmen und nach ihr leben
könne.
Diesem Einwand war bereits Pyrrhon ausgesetzt.
Diogenes Laërtios bringt den
Einwand auf die Formel, dass die Skeptiker "das Leben aufheben,
indem sie alles verwerfen, worin das Leben besteht" [26].
Bieri hat dieses Argument auf etwas andere Weise formuliert: "Es lautet
« Ein Teil der skeptischen Rede besteht aus Behauptungen. Der
Sprechakt des Behauptens besteht darin, dass eine Meinung
zum Ausdruck gebracht wird. Eine Meinung zu haben heißt,
etwas für wahr zu halten. Demnach hält der
Skeptiker eine Reihe von Dingen für wahr. Das paßt
nicht zu seiner Hypothese, dass unsere - und also auch seine -
Meinungen insgesamt falsch sein könnten. Er verwickelt
sich damit vielleicht nicht in einen logischen, aber
doch in einen pragmatischen Widerspruch.»"
[27].
Der entscheidende Punkt des Einwandes ist, dass die Zustimmung
die Grundlage der menschlichen Lebensvollzüge ist. Ohne
Zustimmung, so Cicero, ist keine Sinneserkenntnis möglich.
Die Sinnesempfindung befähigt das Lebewesen im Unterschied
zur Pflanze zum Handeln. Zusammen mit der Fähigkeit
zur Zustimmung sprechen wir dem Menschen seine
Sinnlichkeit
und seine Spontanität ab. Ebenso wird die
Vernunft
aufgehoben, zu deren Wesen es gehört, dass sie einer
offensichtlichen Sache notwendig zustimmt. Ohne Zustimmung
gibt es keine Begriffe und ohne Begriffe weder Wissenschaft
noch Technik. Moralisch zurechenbares Handeln setzt die
Entscheidung und damit das praktische Urteil und die
Zustimmung voraus. Wird diese aufgegeben, so verlieren
alle moralischen Normen und Wertbegriffe ihren Sinn
[28].
Die Pyrrhoneer erwiderten dem Einwand, dass sie sich
im praktischen Leben ja schließlich entscheiden müsste n
und darin ja schon eine Zustimmung liege, dass sie ihre
Entscheidungen nach der alltäglichen Lebenserfahrung
und der Väter Sitte und Gesetz träfen.
Das Gegenargument lässt sich wie folgt rekonstruieren: Der Skeptiker
steht zu dem Zeitpunkt, da er sich seiner Unwissenheit bewusst wird, nicht
auf einem Nullpunkt, von dem aus er sein Leben erst beginnen müsste ,
sondern findet sich vor, wie er bereits mitten in einer bestimmten
Lebensform begriffen ist; er lebt in einer Gesellschaft, in der
bestimmte Regeln gelten, nach denen er bisher stets seine
Entscheidungen getroffen hat. Wollte er diesen Zustand ändern, so
wäre das nur aufgrund besserer Einsicht in die wahren ethischen Werte
sinnvoll. Da er diese jedoch nicht zu besitzen glaubt, kann er keinen
Grund finden, warum er aufhören sollte, seine Entscheidungen
nach denjenigen Regeln zu treffen, die ihm bisher als Richtschnur dienten
und sie durch andere Regeln zu ersetzen, die genauso fragwürdig sind.
Das Argument hat eine Schwäche. Wenn der Skeptiker sich in
der üblichen Weise verhalten soll, etwa um in Rom so
zu handeln wie es die Römer tun, dann muss er wissen,
was die Römer tun, was ihre üblichen Verhaltensweisen
sind. Aber der wahre Skeptiker kann nicht einmal beanspruchen,
das zu wissen. Der Skeptiker wird antworten, da sie glauben,
das Brot werde sie nähren, essen sie es, ohne den
Anspruch zu haben, zu wissen, dass dies das übliche
Verhalten sei, das Brot und nicht den Teller zu essen.
Arkesilaos hat einen Weg gesehen, das Argument zu entkräften,
der überzeugender ist. Nach dem Bericht des
Plutarchos hat
Arkesilaos an die Stelle der
Zustimmung den Trieb (horme) gesetzt. Menschliche Leben
und Handeln ist auch ohne Zustimmung möglich, weil
der Trieb den Menschen zu dem hinführt, was ihm "eigen"
(oikeion) ist, d. h. was ihn im Sein erhält und der
Entfaltung seiner Anlagen dient. Durch den Eindruck, der
anzeigt, dass etwas in diesem Sinne Zuträgliches
vorliegt, wird der Trieb geweckt, der das Lebewesen auf
das Zuträgliche hinbewegt, ohne dass ein Akt
der Zustimmung erforderlich wäre [29].
Die Termini "Trieb" und das "Eigene" entstammen der
stoischen Philosophie. Arkesilaos
will wohl den Einwand von stoischen Voraussetzungen aus
entkräften. Allerdings hat der Begriff des Triebes bei
Arkesilaos eine andere Bedeutung als bei den Stoikern.
Die Stoiker sollen die These vertreten haben, jeder Trieb
sei eine Zustimmung [30]. Dies paßt zu
der These, dass jede
Sinneswahrnehmung eine Zustimmung
ist [31].
Im Gegensatz zur stoischen Auffassung trennt Arkesilaos
den Trieb von der Zustimmung und versucht dann den stoischen
Einwand mit Hilfe dieses Begriffes zu entkräften.
Bieri argumentiert gegen diesen Einwand auf andere Weise. Der
Skeptiker ist derselben Logik der Rede wie alle anderen
unterworfen. "Wenn er nun eine skeptische Hypothese erwägt,
so faßt er die Möglichkeit ins Auge, dass das,
was er gewöhnlich glaubt, falsch ist. Das genannte Argument
scheint nun von ihm zu verlangen, dass er schweigt. Doch
das wäre eine absurde Forderung an jemandem, der uns
etwas über unsere Erkenntnissituation klar machen will. Es
ist wahr, dass der Skeptiker, wenn er seine Überlegung
vorträgt, vorübergehend gewisse Dinge als wahr
in Anspruch nimmt und damit den Inhalt seiner Position in gewissem
Sinn Lügen straft. Aber diese Art von Widerspruch spricht nicht
gegen die Behauptung, auf die es ihm ankommt,
sondern für sie: Der unvermeidliche pragmatische
Widerspruch ist ein Symptom für exakt die Situation, auf die
er uns aufmerksam zu machen versucht ..." [32].
Verifkationismus nennen wir die These, dass ein
Satz oder eine Theorie für uns nur in dem Maße eine
Bedeutung oder einen Sinn hat, in dem wir
feststellen können,
ob der Satz oder die Theorie wahr ist. Nun ist ein universeller
Skeptizismus tatsächlich mit einem Verifikationismus kaum
verträglich, da er ja gerade behauptet, dass es
keine verifizierbaren Sätze und Theorien gibt.
Anders - und sicher gegen den Strich - betrachtet, teilt der
Skeptizismus die verifikationistischen Thesen und fügt lediglich
die zusätzliche These hinzu, dass alle Sätze
bzw. Theorien nicht verifizierbar sind und daher wie der
Verifikationismus für nicht verifizierbare Sätze und
Theorien behauptet sinnlos und nicht wirklich zu verstehen.
Der Skeptizismus stimmt mit dem Verifikationismus in diesem
Punkt überein, ja - so die Pointe - eine spezielle Form
des Verifikationismus, der die antimetaphysische
Intention
des Verifikationismus jedoch verkehrt und gegen ihn selbst wendet.
Die Frage ist, warum wir den Skeptizismus akzeptieren sollen,
wenn es praktisch nichts ausmacht, ob wir die skeptische oder eine
andere Position einnehmen.
Man könnte zum einen antworten, dass es schön
wäre zu wissen, ob wir irgendetwas sicher wissen
können, auch wenn die Antwort für die Weise, in der
wir uns im Alltag verhalten keinen Unterschied bringt,
ebenso wie der Kosmologe den Urknall untersucht, ohne
dass es einen Einfluß auf seinen Alltag hat.
Das zweite Argument der Relevanz des Skeptizismus sind seine
ethische Konsequenzen. So könnte man sagen, dass der
Skeptizismus relevant ist, weil er
Toleranz begründet.
Der französische Skeptiker
Montaigne lebte in einer
Stadt, in der die lokalen Funktionäre der Inquisition damit
beschäftigt waren, Frauen als Hexen anzuklagen, unter
Anwendung altehrwürdiger Methoden zu beweisen, dass sie
Hexen waren, und sie zu verbrennen. Montaignes Kommentar: "Es
heißt unsere Vermutungen sehr hoch einzuschätzen, wenn
man auf ihrer Grundlage Leute röstet."
1923 hat Santayana das Argument
in die Diskussion gebracht, dass der Skeptizismus keine
realistische Theorie sei und
da der Realismus unvermeidbar ist, damit falsch sei.
Ähnlich argumentiert Moore.
Das Argument hat folgende Struktur:
(1) Der Skeptizismus ist eine Theorie, die nicht realistisch ist.
(2) Jede Theorie, die nicht realistisch ist, ist falsch.
(3) Der Skeptizismus ist falsch.
Das Schlussschema ist in den klassischen logischen
Theorien in Ordnung, der universelle oder der logische
Skeptiker wird das Schlussschema aber
bezweifeln. Außerdem bleibt für ihn
unbewiesen, dass die Prämissen stimmen. Zumindest
die antiken Skeptiker haben realistische Positionen unterstellt
und keinesfalls den Realismus bestritten.
Nach Santayana muss ein konsequenter Skeptizismus die
Realität aller Tatsachen leugnen (denying). Dass
die Leugnung der Realität der Tatsachen
falsch sei, so Santayana weiter, lehre nicht die Philosophie,
sondern nur der animal faith [33]. D. h.
der Skeptizismus wäre nach Santayana "the best of philosophies", wenn
der Skeptiker ihn ernsthaft vertreten könnte. Das kann er aber nicht.
[34]. Da Santayana gegen nicht-realistische
Theorien einwendet, dass sie unpraktisch sei, verknüpft
sich bei ihm das Argument des fehlenden Realismus mit dem Argument,
dass der Skeptizismus unpraktisch sei.
Das Argument unterstellt also einen
Solipsismus
des Skeptizismus, obwohl viele skeptische Theorien gar nicht
solipsistisch sind. Der konsequente Skeptiker muss keinesfalls die Realität
aller Tatsachen leugnen. Im Gegenteil er darf sie nicht
leugnen, sondern muss sie bezweifeln. Und das auch nur,
wenn er ein absoluter und universeller Skeptiker ist, was
keinesfalls verlangt werden muss. Damit zieht Santayana's
Argument für die erste Prämisse nicht.
Und damit fällt Santayana's Argument. Nehmen wir nun
des Argumentes wegen an, dass der Skeptiker sowohl
das Schlussschema als auch die erste Prämisse
akzeptieren würde. Dann könnte der Skeptiker
immer noch einwenden, dass die Realismusdebatte zeige,
dass es gar nicht so sicher ist, dass die zweite Prämisse
gelte. Und das genüge schon, um den Schluss
zurückzuweisen. Da reicht es weder Santayana's Argument,
des animal faith, noch G. E. Moore's
Common-sense-Argument,
dass wer Sinnesdaten bezweifle,
bloß auf seine Hände zu blicken brauche
[35].
Der Einwand des fehlenden Realismus wird auch noch in anderer Form
vorgetragen. Diese Variante des Einwandes sagt: "... Ist der
Realismus des Skeptikers nicht eine vollkommen leere
Position, weil der Begriff der «Welt», mit dem er
arbeitet, ein vollkommen leerer Begriff ist? Wenn wir
gesagt bekommen, dass die Welt ganz anders sein könnte,
als wir sie uns denken: Worauf bezieht sich hier der Ausdruck
«die Welt»?" [36].
Der Skeptiker wird - so Bieri zurecht - zugeben, dass "die
Welt" sich auf nichts bezieht, in dem Sinne, dass wir nicht
wissen, wie die Welt beschaffen ist. Aber dies ist kein Einwand,
sondern eine Beschreibung der skeptischen Position
[37].
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