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Skeptizismus

Einwände

Ist der Skeptizismus logisch widerspruchsfrei?

Der Einwand des Widerspruchs hat zwei Hauptvarianten:

  1. Es wird die Gegenfrage gestellt, woher man den skeptischen Standpunkt wissen könne und ein Beweis für den skeptischen Standpunkt verlangt;
  2. Es wird der Inhalt des skeptischen Standpunktes auf sich selbst angewendet.

Zunächst ist klar, dass die partielle Skepsis von dem Einwand des logischen Widerspruchs unberührt bleibt und zwar sowohl die relative als auch die absolute partielle Skepsis. Die partielle Skepsis bestreitet nämlich gar nicht die Möglichkeit jeder Erkenntnis oder die Existenz irgendeiner Wahrheit. Daher können die eigenen skeptischen Thesen vom Zweifel ausgenommen werden und der Einwand wird damit blockiert.

Weiter ist klar, dass der universelle Skeptizismus gegen die erste Variante des Einwandes immun ist, da er bewusst auf einen derartigen Beweisversuch verzichtet und nicht behauptet, den skeptischen Standpunkt zu wissen. Es wäre aber voreilig, den skeptischen Standpunkt damit schon als erledigt anzusehen, da auch eine Aussage für die weder faktisch noch prinzipiell eine Beweismöglichkeit besteht, richtig sein könnte. Erkenntnis nur deshalb als möglich anzusehen, weil sich das Gegenteil nicht beweisen lässt, wäre - wie Stegmüller zurecht sagt [18] - unbefriedigend. (Anderer Meinung ist jedoch sicher der größte Teil der Verifikationisten.)

Warum jedoch sollen wir dem Skeptiker folgen, wenn er nicht beweisen kann, dass er Recht hat?

Die pyrrhonischen Skeptiker antworteten auf diese Frage gewöhnlich mit dem Argument, dass sie die Waffen des Gegners benutzen, um ihn zu schlagen, ohne zu glauben, dass diese Waffen besonders wirksam sind.

Der Skeptiker könnte zudem sagen, dass die anderen ihren Standpunkt ja auch nicht beweisen können. Da der universelle Skeptiker seinen Standpunkt nicht rechtfertigen kann, ist er machtlos gegenüber einem Menschen, der von der Wahrheit gewisser Thesen überzeugt ist und alles, was nicht mit ihnen übereinstimmt, falsch nennt, ohne dass er Gründe für seine Überzeugungen beibringen will; der sich also um die Meinung anderer nicht kümmert und sich nicht bekehren will. Es ist dasselbe Problem, das wir auch mit dem Amoralisten in der Ethik haben.

Es bleibt die zweite Variante des Widersprucheinwandes gegen die universelle Skepsis. Formulieren wir sie zunächst gegen den Erkenntnisskeptizismus: Wenn es keine Erkenntnis gibt, dann ist auch der Satz "es gibt keine Erkenntnis" selbst keine Erkenntnis.

Stegmüller hat gezeigt [19], dass hier kein Widerspruch vorliegt. Er führt zunächst eine Satzfunktion "Erk(x)" ein, die bedeutet "x hat die Eigenschaft, eine Erkenntnis zu sein".

Die erkenntnisskeptische These lautet dann:

(S1) ~($x)Erk(x)

Angenommen dieser Satz (S1) sei eine Erkenntnis. Also: Erk(S1). Dann folgt daraus:

(S2) ($x)Erk(x)

S1 und S2 widersprechen einander. Auf Grund der reductio ad adsurdum ist also (S1) keine Erkenntnis. Damit haben wir keinen Widerspruch. Denn für einen solchen, müssten wir zeigen, dass aus (S1) folgt, dass (S2). Dies kann aber nicht gezeigt werden. Es folgt aus (S1) lediglich:

(S3) ~Erk(~($x)Erk(x)).

Damit ist aber gezeigt, dass sich der Erkenntnisskeptizismus als universeller Skeptizismus logisch widerspruchsfrei vertreten lässt.

Einen Erkenntnisskeptizismus, der relativ und universell, aber nach den eben vorgeführten Überlegungen widerspruchsfrei ist, lieferten die pyrrhonischen Skeptiker. Sie formulierten die skeptische These, dass man nichts wissen kann, nicht einmal die Tatsache, dass man nichts wissen kann, und dass man nichts beweisen kann, nicht einmal die Tatsache, dass man nichts beweisen kann, wobei ihre Skepsis - zumindest der Überlieferung durch Sextus Empiricus nach - relativ gemeint ist.

Man kann die 2. Variante des Widerspruchargumentes nun auch für den universellen Wahrheitsskeptizismus durchspielen und Stegmüller hat dies auch getan [20]. Bei den antiken Skeptikern finden sich die Antinomien vom Lügnertyp Nichts ist wahr oder Alles ist falsch, die einen widersprüchlichen Wahrheitsskeptizismus nahe legen [21]. Er betrachtet dabei nur Sätze. S(x) soll bedeuten "x ist ein Satz" und T(x) soll bedeuten "x ist wahr". Der Schluss geht nun wie folgt:

(S4) ("x)(S(x) É~T(x))
(S5) S(S4) É~T(S4) (wegen (S4))
(S6) S(S4) (empirisch)
(S7) ~T(S4) (modus ponens)

Damit ist aber die Behauptung (S4) nicht wahr. Formal ein analoges Ergebnis wie beim Erkenntnisskeptizismus (so wie der Satz "es gibt keine Erkenntnis" keine Erkenntnis ist, so kann der Satz "es gibt nichts Wahres" nicht falsch sein) ergibt sich doch ein wesentlicher Unterschied. Im Erkenntnisskeptizismus könnte die These zwar keine Erkenntnis, aber wahr sein, im Wahrheitsskeptizismus bleibt dieser Ausweg nicht. Vorausgesetzt worden ist aber, dass die im Schluss verwendeten Schlussregeln angewendet werden können. Eine Position, die der Wahrheitsskeptiker nicht teilen muss.

Stegmüller hat gezeigt, dass wir den Wahrheitsskeptizismus durchaus trotzdem widerspruchsfrei vertreten können, wenn wir im Stile der intuitionistischen Logik den Satz vom ausgeschlossenen Dritten einschränken [22]. Auch eine andere eine sehr kleine Abschwächung des universellen Skeptizismus hebt den Widerspruch des Wahrheitsskeptizismus auf. Die akademischen Skeptiker sagten, dass man nichts wissen kann, außer der Tatsache, dass man nichts wissen kann, und dass nichts bewiesen werden kann, außer der Tatsache, dass man nichts beweisen kann. Dies zunächst erkenntnisskeptisch formulierte These ist widerspruchsfrei. Aber nach eben diesem Schema ließe sich auch der Wahrheitsskeptizismus abschwächen, womit er zwar kein universeller Wahrheitsskeptizismus mehr ist, aber auch bei Akzeptanz des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten widerspruchsfrei ist, ohne allzu viel vom universellen Wahrheitsskeptizismus aufgeben zu müssen. Wahrheitsskeptisch formuliert lautet die These, dass nichts wahr ist, außer der Tatsache, dass nichts wahr ist.

Dies ist sicher ein Trick, aber er hebt jeden Widerspruchsverdacht auf. Die Frage, die sich hier wie an die akademischen Skeptiker ergibt, ist: Warum können nicht auch andere Sachen gewusst werden bzw. wahr sein, wenn eine Sache - der Skeptizismus - gewusst werden bzw. wahr sein kann?

Hier ergibt sich wegen der Selbstbezüglichkeit ein Paradox vom Lügnertyp: Wenn irgendetwas anderes gewusst werden kann, dann ist der akademische Skeptizismus falsch, denn er sagt nur der akademische Skeptizismus kann gewusst werden. Wenn der akademische Skeptizismus falsch ist, dann kann er ebenfalls nicht gewusst werden, denn wir können nichts wissen, was falsch ist.

Wir haben festgestellt, dass sich sogar der universelle Wahrheitsskeptizismus bei vorsichtiger Einschränkung des Satzes vom ausgeschlossenen Dritten aufrechterhalten lässt. Wir wollen uns aber noch fragen, ob es überhaupt ein Problem wäre, wenn sich logische Widersprüche im Skeptizismus nachweisen ließen. Die parakonsistenten Logiken haben uns mit solchen Urteilen vorsichtig gemacht. Warum soll der Skeptiker ausgerechnet den Satz vom Widerspruch nicht bezweifeln?

Mit anderen Worten: Es könnte ja sein, dass unser Wissen nicht konsistent sein kann, wenn wir uns bestimmten erkenntnistheoretischen Fragen stellen und dass der parakonsistente Fall, der beste aller denkbaren ist.

Nun sind die parakonsistenten Logiken kein Wahrheitsskeptizismus, denn die parakonsistenten Logiken behaupten (zumindest bisher) nicht, dass kein Satz wahr sei, aber der Verweis auf parakonsistente Logiken zeigt, dass der wahrheitstheoretische Skeptizismus selbst wenn in ihm der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch nicht gelten würde, keine unbrauchbare Theorie sein müsste .

Man könnte durchaus eine parakonsistente Logik konstruieren, die ich hier parakonsistente falsifikationistische Logik (PFL) nennen möchte, in der allen Sätzen entweder die Wahrheitswertmenge {t, f} oder die Wahrheitswertmenge {f} zugeordnet wird, nie jedoch die Wahrheitswertmenge {t}, in der es also keine wahren Aussagen gibt und die damit eine wahrheitsskeptische parakonsistente Logik wäre, in der der Satz vom ausgeschlossenen Dritten gilt. Axiomatisch beschreiben kann man diese Theorie allerdings nur, indem man Axiome und Regeln für die Falschheit von Aussagen angibt (im Sinne von der Zuordnung der Wahrheitswertmenge {f}) oder aber Axiome und Regeln dafür angibt, wann eine Aussage unwiderlegt ist (im Sinne von der Zuordnung der Wahrheitswertmenge {t, f}). Diese Logik, in der die Wahrheitswerte unwiderlegt und falsch vorkommen, ist eine zweiwertige Logik, in der der Wahrheitswert wahr gar nicht vorkommt und daher auch keiner Aussage zugeschrieben werden kann, obwohl wir in der Metatheorie durchaus mit einem Wahrheitsbegriff arbeiten.

In unserer Logik PFL gilt:

pÙq {t, f} {f} pÚq {t, f} {f}
{t, f} {t, f} {f} {t, f} {t,f} {t,f}
{f} {f} {f} {f} {t, f} {f}

Komplizierter und nicht so leicht so rekonstruieren, da nicht extensional ist die Negation dieser Logik.

Man kann das System PFL noch erweitern, indem man außer der Zuordnung {t, f} und {f} auch die Zuordnung der leeren Wahrheitswertmenge {} zulässt, z. B. für den Fall, dass in einer Kommunikationsgemeinschaft niemand die entsprechende Aussage behauptet oder bestreitet. Hier gilt der Satz vom ausgeschlossenen Dritten allerdings nicht mehr.

Ist der Skeptizismus theoriefeindlich?

Ein Variante des Argumentes, dass der Skeptizismus nicht widerspruchsfrei sei, findet sich bei E. Husserl. Husserl benutzt den Begriff Skeptizismus (1900), um seinen Begriff der Theorie abzugrenzen: Eine "skeptische Theorie" enthalte die Falschheit der "Bedingungen für die Möglichkeit einer Theorie überhaupt" und sei deshalb "widersinnig" [23].

Wir finden ein solches transzendentales Argument auch bei Strawson. In diesem Argument wird der Skeptiker als jemand beschrieben, der unser gewöhnliches Begriffssystem revidieren und an seine Stelle ein neues setzen möchte. So gesehen erscheint der Skeptiker als begrifflicher Relativist, der seinen Zweifel in die These kleidet, dass es viele, verschiedene Begriffssysteme geben kann und dass wir keinerlei Grund haben, unserem faktischen Begriffsystem eine besondere Autorität und Zwangsläufigkeit zuzuschreiben. Das Argument nun: Entweder können wir einen begrifflichen Vorschlag verstehen; dann können wir zeigen, dass es gegenüber unserem gewöhnlichen Begriffssystem keine wirkliche Alternative darstellt. Oder wir haben ein radikal anderes Begriffssystem, das wir mit dem unseren in keinerlei Beziehung bringen können, dann können wir nicht verstehen, was vorgeschlagen wird. In beiden Fällen ist unser Begriffssystem nicht zufällig, so wie es ist [24]. Das Argument hat eine entscheidende Schwäche. Selbst wenn wir die Welt auf eine bestimmte Weise denken müssen, heißt dies nicht, dass sie wirklich so ist. Der Skeptiker kann also zugeben, dass unsere Erfahrung mit Zwangsläufigkeit eine bestimmte Struktur hat, ohne auf den Skeptizismus verzichten zu müssen. Wir brauchen also weitere Argumente, damit der Skeptizismus getroffen würde [25].

Ist der Skeptizismus unpraktisch?

Es gibt einen sehr alten Einwand gegen die Skepsis, der besagt, dass der Skeptiker, gleichgültig, was er sagt, seine Philosophie selbst nicht ernst nehmen und nach ihr leben könne.

Diesem Einwand war bereits Pyrrhon ausgesetzt. Diogenes Laërtios bringt den Einwand auf die Formel, dass die Skeptiker "das Leben aufheben, indem sie alles verwerfen, worin das Leben besteht" [26].

Bieri hat dieses Argument auf etwas andere Weise formuliert: "Es lautet « Ein Teil der skeptischen Rede besteht aus Behauptungen. Der Sprechakt des Behauptens besteht darin, dass eine Meinung zum Ausdruck gebracht wird. Eine Meinung zu haben heißt, etwas für wahr zu halten. Demnach hält der Skeptiker eine Reihe von Dingen für wahr. Das paßt nicht zu seiner Hypothese, dass unsere - und also auch seine - Meinungen insgesamt falsch sein könnten. Er verwickelt sich damit vielleicht nicht in einen logischen, aber doch in einen pragmatischen Widerspruch.»" [27].

Der entscheidende Punkt des Einwandes ist, dass die Zustimmung die Grundlage der menschlichen Lebensvollzüge ist. Ohne Zustimmung, so Cicero, ist keine Sinneserkenntnis möglich. Die Sinnesempfindung befähigt das Lebewesen im Unterschied zur Pflanze zum Handeln. Zusammen mit der Fähigkeit zur Zustimmung sprechen wir dem Menschen seine Sinnlichkeit und seine Spontanität ab. Ebenso wird die Vernunft aufgehoben, zu deren Wesen es gehört, dass sie einer offensichtlichen Sache notwendig zustimmt. Ohne Zustimmung gibt es keine Begriffe und ohne Begriffe weder Wissenschaft noch Technik. Moralisch zurechenbares Handeln setzt die Entscheidung und damit das praktische Urteil und die Zustimmung voraus. Wird diese aufgegeben, so verlieren alle moralischen Normen und Wertbegriffe ihren Sinn [28].

Die Pyrrhoneer erwiderten dem Einwand, dass sie sich im praktischen Leben ja schließlich entscheiden müsste n und darin ja schon eine Zustimmung liege, dass sie ihre Entscheidungen nach der alltäglichen Lebenserfahrung und der Väter Sitte und Gesetz träfen.

Das Gegenargument lässt sich wie folgt rekonstruieren: Der Skeptiker steht zu dem Zeitpunkt, da er sich seiner Unwissenheit bewusst wird, nicht auf einem Nullpunkt, von dem aus er sein Leben erst beginnen müsste , sondern findet sich vor, wie er bereits mitten in einer bestimmten Lebensform begriffen ist; er lebt in einer Gesellschaft, in der bestimmte Regeln gelten, nach denen er bisher stets seine Entscheidungen getroffen hat. Wollte er diesen Zustand ändern, so wäre das nur aufgrund besserer Einsicht in die wahren ethischen Werte sinnvoll. Da er diese jedoch nicht zu besitzen glaubt, kann er keinen Grund finden, warum er aufhören sollte, seine Entscheidungen nach denjenigen Regeln zu treffen, die ihm bisher als Richtschnur dienten und sie durch andere Regeln zu ersetzen, die genauso fragwürdig sind.

Das Argument hat eine Schwäche. Wenn der Skeptiker sich in der üblichen Weise verhalten soll, etwa um in Rom so zu handeln wie es die Römer tun, dann muss er wissen, was die Römer tun, was ihre üblichen Verhaltensweisen sind. Aber der wahre Skeptiker kann nicht einmal beanspruchen, das zu wissen. Der Skeptiker wird antworten, da sie glauben, das Brot werde sie nähren, essen sie es, ohne den Anspruch zu haben, zu wissen, dass dies das übliche Verhalten sei, das Brot und nicht den Teller zu essen.

Arkesilaos hat einen Weg gesehen, das Argument zu entkräften, der überzeugender ist. Nach dem Bericht des Plutarchos hat Arkesilaos an die Stelle der Zustimmung den Trieb (horme) gesetzt. Menschliche Leben und Handeln ist auch ohne Zustimmung möglich, weil der Trieb den Menschen zu dem hinführt, was ihm "eigen" (oikeion) ist, d. h. was ihn im Sein erhält und der Entfaltung seiner Anlagen dient. Durch den Eindruck, der anzeigt, dass etwas in diesem Sinne Zuträgliches vorliegt, wird der Trieb geweckt, der das Lebewesen auf das Zuträgliche hinbewegt, ohne dass ein Akt der Zustimmung erforderlich wäre [29].

Die Termini "Trieb" und das "Eigene" entstammen der stoischen Philosophie. Arkesilaos will wohl den Einwand von stoischen Voraussetzungen aus entkräften. Allerdings hat der Begriff des Triebes bei Arkesilaos eine andere Bedeutung als bei den Stoikern.

Die Stoiker sollen die These vertreten haben, jeder Trieb sei eine Zustimmung [30]. Dies paßt zu der These, dass jede Sinneswahrnehmung eine Zustimmung ist [31]. Im Gegensatz zur stoischen Auffassung trennt Arkesilaos den Trieb von der Zustimmung und versucht dann den stoischen Einwand mit Hilfe dieses Begriffes zu entkräften.

Bieri argumentiert gegen diesen Einwand auf andere Weise. Der Skeptiker ist derselben Logik der Rede wie alle anderen unterworfen. "Wenn er nun eine skeptische Hypothese erwägt, so faßt er die Möglichkeit ins Auge, dass das, was er gewöhnlich glaubt, falsch ist. Das genannte Argument scheint nun von ihm zu verlangen, dass er schweigt. Doch das wäre eine absurde Forderung an jemandem, der uns etwas über unsere Erkenntnissituation klar machen will. Es ist wahr, dass der Skeptiker, wenn er seine Überlegung vorträgt, vorübergehend gewisse Dinge als wahr in Anspruch nimmt und damit den Inhalt seiner Position in gewissem Sinn Lügen straft. Aber diese Art von Widerspruch spricht nicht gegen die Behauptung, auf die es ihm ankommt, sondern für sie: Der unvermeidliche pragmatische Widerspruch ist ein Symptom für exakt die Situation, auf die er uns aufmerksam zu machen versucht ..." [32].

Ist der Skeptizismus verifikationistisch?

Verifkationismus nennen wir die These, dass ein Satz oder eine Theorie für uns nur in dem Maße eine Bedeutung oder einen Sinn hat, in dem wir feststellen können, ob der Satz oder die Theorie wahr ist. Nun ist ein universeller Skeptizismus tatsächlich mit einem Verifikationismus kaum verträglich, da er ja gerade behauptet, dass es keine verifizierbaren Sätze und Theorien gibt.

Anders - und sicher gegen den Strich - betrachtet, teilt der Skeptizismus die verifikationistischen Thesen und fügt lediglich die zusätzliche These hinzu, dass alle Sätze bzw. Theorien nicht verifizierbar sind und daher wie der Verifikationismus für nicht verifizierbare Sätze und Theorien behauptet sinnlos und nicht wirklich zu verstehen.

Der Skeptizismus stimmt mit dem Verifikationismus in diesem Punkt überein, ja - so die Pointe - eine spezielle Form des Verifikationismus, der die antimetaphysische Intention des Verifikationismus jedoch verkehrt und gegen ihn selbst wendet.

Ist der Skeptizismus relevant?

Die Frage ist, warum wir den Skeptizismus akzeptieren sollen, wenn es praktisch nichts ausmacht, ob wir die skeptische oder eine andere Position einnehmen.

Man könnte zum einen antworten, dass es schön wäre zu wissen, ob wir irgendetwas sicher wissen können, auch wenn die Antwort für die Weise, in der wir uns im Alltag verhalten keinen Unterschied bringt, ebenso wie der Kosmologe den Urknall untersucht, ohne dass es einen Einfluß auf seinen Alltag hat.

Das zweite Argument der Relevanz des Skeptizismus sind seine ethische Konsequenzen. So könnte man sagen, dass der Skeptizismus relevant ist, weil er Toleranz begründet.

Der französische Skeptiker Montaigne lebte in einer Stadt, in der die lokalen Funktionäre der Inquisition damit beschäftigt waren, Frauen als Hexen anzuklagen, unter Anwendung altehrwürdiger Methoden zu beweisen, dass sie Hexen waren, und sie zu verbrennen. Montaignes Kommentar: "Es heißt unsere Vermutungen sehr hoch einzuschätzen, wenn man auf ihrer Grundlage Leute röstet."

Ist der Skeptizismus realistisch?

1923 hat Santayana das Argument in die Diskussion gebracht, dass der Skeptizismus keine realistische Theorie sei und da der Realismus unvermeidbar ist, damit falsch sei. Ähnlich argumentiert Moore.

Das Argument hat folgende Struktur:

(1) Der Skeptizismus ist eine Theorie, die nicht realistisch ist.
(2) Jede Theorie, die nicht realistisch ist, ist falsch.               
(3) Der Skeptizismus ist falsch.

Das Schlussschema ist in den klassischen logischen Theorien in Ordnung, der universelle oder der logische Skeptiker wird das Schlussschema aber bezweifeln. Außerdem bleibt für ihn unbewiesen, dass die Prämissen stimmen. Zumindest die antiken Skeptiker haben realistische Positionen unterstellt und keinesfalls den Realismus bestritten.

Nach Santayana muss ein konsequenter Skeptizismus die Realität aller Tatsachen leugnen (denying). Dass die Leugnung der Realität der Tatsachen falsch sei, so Santayana weiter, lehre nicht die Philosophie, sondern nur der animal faith [33]. D. h. der Skeptizismus wäre nach Santayana "the best of philosophies", wenn der Skeptiker ihn ernsthaft vertreten könnte. Das kann er aber nicht. [34]. Da Santayana gegen nicht-realistische Theorien einwendet, dass sie unpraktisch sei, verknüpft sich bei ihm das Argument des fehlenden Realismus mit dem Argument, dass der Skeptizismus unpraktisch sei.

Das Argument unterstellt also einen Solipsismus des Skeptizismus, obwohl viele skeptische Theorien gar nicht solipsistisch sind. Der konsequente Skeptiker muss keinesfalls die Realität aller Tatsachen leugnen. Im Gegenteil er darf sie nicht leugnen, sondern muss sie bezweifeln. Und das auch nur, wenn er ein absoluter und universeller Skeptiker ist, was keinesfalls verlangt werden muss. Damit zieht Santayana's Argument für die erste Prämisse nicht.

Und damit fällt Santayana's Argument. Nehmen wir nun des Argumentes wegen an, dass der Skeptiker sowohl das Schlussschema als auch die erste Prämisse akzeptieren würde. Dann könnte der Skeptiker immer noch einwenden, dass die Realismusdebatte zeige, dass es gar nicht so sicher ist, dass die zweite Prämisse gelte. Und das genüge schon, um den Schluss zurückzuweisen. Da reicht es weder Santayana's Argument, des animal faith, noch G. E. Moore's Common-sense-Argument, dass wer Sinnesdaten bezweifle, bloß auf seine Hände zu blicken brauche [35].

Der Einwand des fehlenden Realismus wird auch noch in anderer Form vorgetragen. Diese Variante des Einwandes sagt: "... Ist der Realismus des Skeptikers nicht eine vollkommen leere Position, weil der Begriff der «Welt», mit dem er arbeitet, ein vollkommen leerer Begriff ist? Wenn wir gesagt bekommen, dass die Welt ganz anders sein könnte, als wir sie uns denken: Worauf bezieht sich hier der Ausdruck «die Welt»?" [36].

Der Skeptiker wird - so Bieri zurecht - zugeben, dass "die Welt" sich auf nichts bezieht, in dem Sinne, dass wir nicht wissen, wie die Welt beschaffen ist. Aber dies ist kein Einwand, sondern eine Beschreibung der skeptischen Position [37].

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